Auszug aus „Baby Blue“
Bin ich schuld, dass Simon tot ist? Hätte ich ein paar Minuten früher bei ihm reingeschaut, wäre alles anders gekommen. Ich hätte gemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass er keine Luft bekommt, dass ich ihm helfen muss. Ein paar Minuten. Wenn Lisa nicht solche Bauchkrämpfe gehabt hätte, wäre ich eher bei Simon gewesen. Und ich hätte verhindert, dass er stirbt.
Aber vielleicht hätte ich seinen Tod auch nur in diesem Augenblick verhindern können. Gibt es so etwas wie Schicksal? War es sein Schicksal, im Alter von knapp einem Monat zu sterben? Hätte ich früher nach ihm geschaut, wäre er dann vielleicht ein paar Minuten, Stunden oder Tage später gestorben? Immer wieder diese Fragen, die sich mir aufdrängen, auch wenn ich weiß, dass ich sie niemals beantworten kann. Ich werde jetzt ins Bett gehen. In vier Stunden muss ich bereits wiederaufstehen. Hoffentlich baut sich der Alkohol bis dahin wieder ab ...
Auszug aus „Der Nase nach“
Der Boden unter mir gibt plötzlich nach, ich knicke um und stürze zur Seite. Ich versuche, den Sturz mit den Händen abzufangen, doch ich greife ins Leere und falle. Eine Grube. Die Landung ist unsanft, doch es kommt noch schlimmer: Von oben bröckelt Erde herunter. Zuerst nur ein wenig, dann immer mehr. Ein Erdrutsch! Ich knie mich so gut ich kann hin, beuge den Kopf nach unten und versuche ihn mit meinen Armen zu schützen und gleichzeitig einen Hohlraum unter mir zu bilden. Hab’ ich irgendwo mal gelesen, dass man sich so bei Lawinen verhalten soll. Erdbrocken hageln auf meinen Rücken, sie werden immer schwerer, doch ich halte dagegen. Nur nicht einknicken. Nur nicht nachgeben. Dieser Hohlraum unter mir ist womöglich meine Lebensversicherung, wenn dieser Albtraum endlich endet. Gott sei Dank dämpft mein Rucksack das Ganze etwas ab. Stille. Schwere Stille. Nur nicht bewegen! Kleiner Scherz am Rande. Ich bin eingepfercht wie eine Ölsardine. Keine große Bewegungsfreiheit. Liegestützen und Situps: Fehlanzeige. Hahaha. Der Humor stirbt zuletzt. Wer hat das gesagt? Scheißegal. Ich darf mich nicht rühren, damit sich alles um mich herum etwas festigt. Vielleicht. Welche Chancen habe ich realistischerweise?
Auszug aus „For Auld Lang Syne I“
Während bereits die dritte Strophe ertönt, fasse ich einen Entschluss. Leise schleiche ich die Treppe nach unten, ergreife die auf dem Garderobenschränkchen stehende Taschenlampe und öffne vorsichtig den Sicherungskasten. Glücklicherweise ist alles penibel beschriftet, so dass ich den richtigen Schalter schnell identifizieren kann. Meine Hand hebt sich und ich merke, wie sie zittert. Was bist du im Begriff zu tun, Elisabeth? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wo bleibt dein Pflichtgefühl? Pflichtgefühl. Pflicht - Gefühl. Meiner Pflicht bin ich mir zur Genüge bewusst. Aber was ist mit meinem Gefühl?
Ich lege den Hauptschalter um. Genau am Ende des Liedes. Schlagartig wird es stockdunkel und sämtliche Geräusche der Elektrogeräte verstummen. Endlich Ruhe. Und was nun? Ich schließe den Sicherungskasten, fasse meinen Morgenmantel kürzer und steige lautlos die Treppen hoch. Vor der Türe meines Schlafzimmers bleibe ich stehen. Ich öffne sie geräuschvoll und rufe nach oben so laut ich kann: „Friedrich, wir haben einen Stromausfall! Ängstige dich nicht! Ich werde mich darum kümmern! Sobald der Ausfall behoben ist, komme ich zu dir! Bleib solange bitte ruhig liegen und versuche, dich zu entspannen. Hab’ keine Angst!“